Schulden und Schufa-Score: Blackbox gelüftet

Lesedauer 5 Minuten

Jahrzehntelang war die Schufa für viele Menschen in Deutschland ein undurchsichtiges Gebilde. Schuldner und Verbraucher wussten, dass es einen Score gab, der ihren Zugang zu Krediten, Verträgen oder Finanzierungsmöglichkeiten maßgeblich beeinflusste – doch wie genau dieser Wert zustande kam, blieb unklar.

Mit dem geplanten neuen Bonitätsscore im vierten Quartal 2025 ändert sich dies nun grundlegend. Die Schufa öffnet erstmals ihre „Blackbox“ und ermöglicht es damit Millionen Menschen, die eigene Kreditwürdigkeit nicht nur einzusehen, sondern tatsächlich zu verstehen.

Seit Jahren gab es Forderungen nach Transparenz. Jetzt trifft die Schufa auf regulatorischen Druck und eine veränderte Lebensrealität vieler Nutzer. Das Ergebnis: eine Neuentwicklung, die zahlreiche überholte Strukturen aufbrechen soll.

Wie soll das neue Scoring-System funktionieren?

Bislang war das Schufa-Scoring ein komplexer Prozess, der auf hunderten Kriterien beruhte, deren genaue Gewichtung in der Öffentlichkeit kaum nachvollziehbar war.

Künftig will die Schufa nur noch zwölf zentrale Bewertungsfaktoren heranziehen, die laut eigener Aussage auf 250 möglichen Parametern basieren. Diese Faktoren reichen vom Alter des ältesten Bankkontos oder Kreditvertrags über die Anzahl und Art laufender Kredite bis hin zu bisherigen Zahlungsausfällen oder ähnlichen Störungen.

Die daraus resultierenden Punkte summieren sich in einem einzigen Score, der von 100 bis 999 reichen kann: Je höher der Wert, desto verlässlicher gilt die Person als Kreditnehmer.

Durch diese überschaubare Anzahl an Kriterien und ein konkretes Punktesystem soll man erstmals in der Lage sein, ihren eigenen Score zu berechnen oder zumindest nachzuvollziehen.

Was ändert sich beim Schufa Score konkret?

Bisher sahen Verbraucherinnen und Verbraucher häufig einen sogenannten Basisscore, während Banken oder Mobilfunkanbieter mit zusätzlichen, teils strikt vertraulichen Modellen der Schufa arbeiteten.

Diese Trennung entfällt künftig. Der neue Score wird einheitlich sein und für jede Branche gleichermaßen gelten. Dies bedeutet, dass Privatpersonen in genau denselben Wert Einblick erhalten, den auch Banken, Onlinehändler oder Telekommunikationsunternehmen sehen.

Kostenfreier Einblick in den Schufa-Score

In der Vergangenheit gab es bereits Möglichkeiten, die eigenen Schufa-Daten anzufordern – jedoch war dies oft umständlich, kostspielig und selten vollständig verständlich.

Nun soll es einen zentralen, digitalen Zugang geben, bei dem sich jede Person mit Hilfe einer Ausweis-App online identifiziert und dadurch kontinuierlich Zugriff auf ihren Score hat.

Innerhalb dieses Online-Portals wird dann deutlich, welche Daten gespeichert sind, wie sich der Score aktuell zusammensetzt und inwiefern bestimmte Veränderungen das Ergebnis beeinflussen könnten.

Wer zum Beispiel plant, eine Kreditkarte zu kündigen oder einen neuen Kredit zu beantragen, kann über das Erklärtool hypothetische Szenarien durchspielen. Auf diese Weise werden Konsumentscheidungen – zumindest aus Sicht der Bonität – planbarer.

Lesen Sie auch:
Schulden: Ein Negativer Schufa-Eintrag erschwert PKW-Zulassung – Das ist die Lösung

Keineswegs freiwillig

Der Fortschritt zu mehr Offenheit kommt keineswegs allein aus dem Bestreben der Schufa, das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen.

Bereits 2018 hatte der Sachverständigenrat der Bundesregierung auf Missstände hingewiesen und ein verbrauchergerechtes Scoring gefordert.

Spätestens seit dem EuGH-Urteil ist außerdem klar, dass Verbraucher ein Recht auf Transparenz und Verständlichkeit besitzen, wenn ein Score so weitreichende Auswirkungen hat.

Die Schufa reagiert also nicht nur auf einen längst überfälligen Modernisierungsdruck, sondern auch auf rechtliche Vorgaben, die ihr altes System in Frage gestellt haben.

Darüber hinaus haben sich unsere Zahlungsgewohnheiten in den letzten Jahren massiv verändert: Immer mehr Käufe laufen online, „Buy Now, Pay Later“-Angebote boomen und selbst kleinere Beträge werden häufig auf Raten gezahlt. Ein einziges, kaum nachvollziehbares Zahlenorakel passt nicht mehr in diese Realität.

Wie ist die Umsetzung geplant und wer testet den neuen Score?

Aktuell läuft eine Testphase mit 17 Banken und Unternehmen. In diesem Pilotversuch ermittelt die Schufa, ob das neue System präzise genug ist, um das Ausfallrisiko bei Krediten und anderen finanziellen Verpflichtungen zu prognostizieren.

Gleichzeitig wird überprüft, ob Verbraucher wirklich nachvollziehen können, wie sich der neue Score zusammensetzt. Wenn alles nach Plan verläuft, wird das überarbeitete Modell ab dem vierten Quartal 2025 offiziell starten und den bisherigen Basisscore sowie sechs branchenspezifische Modelle ablösen.

Dieser einheitliche Ansatz dürfte den Markt für Bonitätsprüfungen in Deutschland nachhaltig verändern: Statt unterschiedlicher Datenwelten und mehrerer sogenannter Branchen-Scores gibt es dann einen einzigen Maßstab, der für alle gilt.

Was bleibt bestehen, obwohl sich vieles ändert?

Auch wenn die Schufa nun deutlich an Transparenz gewinnt, bleibt sie die führende Instanz in Sachen Bonitätsauskünfte. Noch immer sind es Millionen von Daten aus Banken, Handel und Telekommunikationsunternehmen, die in der Schufa gesammelt und verwaltet werden. Auch öffentliche Schuldnerverzeichnisse werden weiterhin herangezogen.

Das Prinzip, dass Vertrags- und Zahlungshistorien einen Einfluss auf die Kreditwürdigkeit haben, bleibt demnach unangetastet. Neu ist jedoch, dass Menschen nicht mehr ahnungslos im Dunkeln stehen. Wer seine Daten kennt, kann sie überprüfen und bei Fehlern oder veralteten Einträgen auf Korrektur drängen.

Zudem besteht die Möglichkeit, das persönliche Zahlungsverhalten strategisch zu gestalten, etwa indem man unnötige Kredite abbaut oder offene Verpflichtungen frühzeitig tilgt. Die Schufa will durch ihren transparenten Ansatz nicht nur Vertrauen zurückgewinnen, sondern auch eine Art finanzielles Bewusstsein fördern.

Vieles spricht dafür, dass durch die klare und nachvollziehbare Gestaltung der Kreditwürdigkeit ein großer Schritt in Richtung Verbraucherschutz gelungen ist.

Dennoch bleibt ein Restrisiko, dass der Score weiterhin eine gewisse Macht über Lebensentscheidungen hat.

Ob man eine Mietwohnung bekommt, ein Auto finanzieren kann oder bessere Konditionen beim Smartphonevertrag erhält, hängt oft an dieser einzigen Zahl. Die Schufa verspricht, dass ihr neues Modell mit zwölf Faktoren zwar leicht verständlich sei, aber gerade darin sehen Kritiker mögliche Schwächen.

Sie befürchten, dass sich neue Schlupflöcher auftun könnten und Verbraucher in ihrer Planung möglicherweise stärker auf den Score fixiert sind als vorher.

Andererseits bedeutet der neue Ansatz auch eine Chance auf realistischere Bewertungen. Menschen, die beispielsweise häufiger die Bank gewechselt haben oder eine Zeitlang auf kleinteilige Ratenkäufe gesetzt haben, werden nun möglicherweise fairer eingestuft.

Wann startet das neue transparente System?

Mit dem offiziellen Start des neuen Scores im vierten Quartal 2025 stehen einschneidende Veränderungen bevor. Für Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet dies einen grundlegenden Einblick in die eigene Bonität, der so bisher nicht möglich war.

Unternehmen und Banken wiederum erhalten weiterhin umfangreiche Informationen, können jedoch nicht mehr auf versteckte Score-Modelle bauen, deren interne Funktionsweise der Öffentlichkeit verschlossen blieb.

Ein Rechenbeispiel: Wie könnte ein individueller Score berechnet werden?

Man stelle sich eine Person namens Lisa Müller vor, die seit fünf Jahren ein Girokonto führt, einen ordnungsgemäß bedienten Ratenkredit laufen hat und regelmäßig Rechnungen pünktlich begleicht. Angenommen, das Alter des Girokontos verschafft ihr eine solide Punktzahl, während der Ratenkredit als stabil und vertrauenswürdig bewertet wird.

In den letzten zwölf Monaten hat sie jedoch mehrere Kreditanfragen online und bei Banken gestellt, was in der neuen Systematik zu einer teils negativen Gewichtung führt. Kommt hinzu, dass sie vor einigen Jahren bereits ein zweites Bankkonto eröffnet und fristgerecht aufgelöst hat, kann dies leicht positive Spuren hinterlassen, weil es zeigt, dass sie bereits in verschiedenen Vertragsverhältnissen verlässlich war.

Würde man diese Faktoren addieren und jene Punkte gegeneinander abwägen, käme Lisa Müller beispielsweise auf eine Gesamtpunktzahl von 760 (in der Spannbreite von 100 bis 999).

Diese Zahl läge in einem Bereich, den Banken und Händler als „sehr gut“ einstufen.

So ließen sich im Alltag etwa ein attraktiver Kreditrahmen und vorteilhafte Zinssätze erzielen.

Zöge sie jedoch bald einen weiteren Kleinkredit in Betracht oder würde binnen kurzer Zeit mehrere neue Kreditkarten ausprobieren, könnte ihr Score vorübergehend absinken und sich in Richtung 700 bewegen.

Genau diesen Einfluss würde das neue, transparente System künftig klar offenlegen, sodass Lisa Müller erkennen kann, an welchen Stellschrauben sie drehen sollte, um ihren Score zu halten oder wieder zu verbessern.